[aus dem Etherpad http://ietherpad.com/spiegel-noblog-argumente, in Reaktion auf diesen Spiegel-Artikel (pdf) zum Desinteresse der Jugend am avancierten Web 2.0. Laufende Links und Aktualisierungen siehe Kommentare.]
Dass die Jugend keine Ahnung hat, wie sie das Internet/Web konstruktiv nutzen kann, stimmt. Es ist eine Frage der "Literacy": d.h. der digitalen Lese- und Schreibfähigkeit (die auch Umgang mit Medien-Objekten und Code einschließt). Der eigentliche, allerdings fundamentale Fehler ist der unterschwellige Tonfall des Spiegel-Artikels: "Wir habens ja gleich gewusst, alles neumodischer Hype. Jugendliche sind immer gleich, das 'wahre Leben' geht immer vor, es gibt nichts Neues unter der Sonne."
Die empirische Darstellung ist zutreffend, die gedankliche Verarbeitung nicht existent. Aus all dem folgt nämlich nicht, was zwischen den Zeilen suggeriert wird: dass das Web eher unwichtig ist und man die Jugendlichen, die echten "Eingeborenen", nicht gschaftlhuberisch damit behelligen sollte.
[Update: Womit genau? Damit, wie man überpersönliche Wissensblöcke herstellt, verarbeitet, zirkulieren lässt. Wie man die eigene "Stimme" findet. Texte von 140 Zeichen bis zum längeren Blogpost, Grafiken und Visualisierungen, Präesentationen, die andere schnell aufnehmen und verarbeiten können, damit wieder etwas zurückkommt. Wie man vom Persönlichen zum Kollaborativen und zum Abstrakten kommt, und wieder zurück, immer wieder. ]
Und es folgt auch nicht daraus, dass LehrerInnen ihre verlorene Autorität sich wiederholen können, indem sie mal eben den Kindern zeigen, wie man richtig googelt. Sie können es selbst nicht besonders. Wir alle können es nicht gut genug.
Ganz im Gegenteil also: Wir alle müssten sehr schnell lernen, uns im Web zu bewegen wie der Fisch im Wasser. In der digitalisierten "Flat World", die sich gerade in dramatischer Geschwindigkeit entwickelt, gilt für Individuen, Organisationen und ganze Nationen dasselbe: "You better start swimming or you sink like a stone." Die NullBlog-Generation wird das lernen müssen, oder untergehen. [was heißt hier "untergehen"? s.u.]
Aus der zutreffend beschriebenen empirischen Situation ergibt sich also vor allem eine Folgerung: Der gegenwärtige Stand des Bildungssystems und der Netzgesellschaft in Deutschland ist ein Desaster. Die Prognosen für unsere wirtschaftliche und kulturelle Vitalität und Zukunftsfähigkeit sind sehr, sehr schlecht.
[Einwurf von @vilsrip:] "Die Null-Blog-Generation wird das lernen müssen, oder untergehen." Geht's eine Nummer weniger apokalyptisch? Es ist eine Frage der Definition. Was heißt in diesem Zusammenhang "untergehen"?
"Untergehen" heißt hier, für Personen wie Gesellschaften: Nicht den nötigen Grad an innerer Souveränität erwerben, um sich inmitten immer schnellerer Umbrüche das Gefühl zu erhalten, den Kopf über Wasser zu haben. Nicht das Gefühl zu haben, 'die Welt zu verstehen'. Sich als hilfloser Spielball zu fühlen. Keine Idee haben, was man tun soll. Nicht mitzuschwingen mit den Kräften, die gerade die Gesellschaft verändern. Das führt zu kollektiver Resignation. Und genau das, gepaart mit digitaler Ahnungslosigkeit, ist die deutsche Grundstimmung.
(Das ist übrigens unabhängig vom realen wirtschaftlichen Erfolg, den eh keiner garantieren kann, und gilt auch für alle Bildungsschichten. Das war ca. 1960 - 2000 tendenziell anders: Die Schule war nicht besser, aber die Leute hatten irgendwie das Gefühl, die Welt zu verstehen. Synchronisiert zu sein. Zu Recht oder nicht, aber das befähigte sie (eher) dazu, sich zu aktiv zu orientieren. Dieses Gefühl hat heute fast keine/r mehr.)
Unsere Diskussion über "digital literacy" (auf deutsch klingt es gleich viel doofer & schwammiger: "Internet in der Schule") ist immer so gemütlich, als lebten sie alle noch in der 1970er-Welt und es ginge nur darum, geschmäcklerisch zu überlegen, welche subtilen didaktischen Mittel die kompetenten Lehrer einsetzen müssen, um ihren Schülern das Denken beizubringen.
Die Lage ist aber sehr viel ernster und verzweifelter für alle die, die da den Anschluss verlieren. Es ist keine Luxusfrage, sondern schlicht Grundausbildung für die Flat World, die man den Schülern schuldig bleibt. (Und sie sich selbst, weil sie keine Ahnung haben.) Ich verweise an der Stelle immer auf Thomas Friedmans "Flat World" (Interview, dt.), das trotz neoliberaler Untertöne ein zutreffendes Gesamtbild der Herausforderungen zeichnet, vor denen wir stehen, als Einzelne wie als Gesellschaft.
Hier das Kernzitat zu "lebenslangem Lernen" im Zeitalter prekärer Arbeitsverhältnisse:
“In der Flachen Welt musst du immer versuchen, ExpertIn für drei Felder zu sein.
Das erste Feld ist das, was jetzt gerade dein Brot-und-Butter-Geschäft ist.
Dann befasse dich aus eigenem Antrieb noch möglichst intensiv mit einem zweiten Feld, das irgendwie mit dem ersten zusammenhängt.
Und daneben sollte es immer noch ein drittes, ganz anderes Feld geben: Da, wo du vielleicht irgendwann einmal hin willst.
So. Und dann mach dir noch eins klar: Diese drei Felder bleiben nicht gleich. Sie werden sich alle 2, 3 Jahre verschieben und verändern.”
Zu dieser ungemütlichen Herausforderung müsste man eine emanzipatorische Haltung (plus der nötigen Skills) entwickeln. Wenn man "das Bildungssystem" umgestalten muss, geht es nicht um die guten LehrerInnen. Die Quote der "guten LehrerInnen" ist naturgesetzlich bei 8%. Dann müsste etwas strukturell eingebaut werden, das den faden Normalunterricht (der weiter fad bleiben wird) relevanter macht. Wie müsste man "Schule" (und "Uni" ...) organisieren, damit da junge Leute nicht unfassbar viele Jahre weitab von dem, was draußen passiert, in einem künstlich infantilisierten und künstlich dumm gehaltenen Sonderraum gehalten werden? Wie also? Keine Ahnung.
(Schule hat vermutlich historisch & sozial-milieuhaft da funktioniert, wo sie punktuell als Freiraum fürs Selbstlernen empfunden wurde. Z.b. für meinen Großvater, Bauernkind-das-Lebensmittelchemiker-Versuchsanstalt-Chef wurde, um 1915, trotz aller Prügel & lateinischem Vokabellernen; auch für viele Aufsteiger in den 1960er und 1970er Jahren ... Das ist heute, soweit ich sehe, fast nirgends mehr so. Auch deshalb, weil der Überfluss des lebendigen gesellschaftlichen Wissens heute erkennbar außerhalb der Schule liegt und prinzipiell zugänglich ist. Wissen ist nicht mehr knapp, die Schule ist kein notwendiges Interface mehr.)