In Zukunft wird es nur noch 4 (5?) Typen von Software für "Unternehmen 2.0" geben

"It's only a matter of time before enterprise software consists of only 4 types of application: publishing, search, fulfilment, conversation."

Das sagt JP Rangaswami, Enterprise 2.0 Urgestein und inzwischen "Chief Scientist" bei Salesforce, auf seinem Blog Confused of Calcutta: http://confusedofcalcutta.com/about/

Das heißt: In Zukunft wird es nur noch 4 Typen von Software-Applikationen für "Unternehmen 2.0" geben: Publizieren, Suchen, Abarbeiten, Konversation. Ich würde noch "Anreichern" dazuzählen..

  • Publizieren (inkl. Authoring): All-in-one: Notetaking, Etherpadding, Blogging, Wiki-ing, GDoc-ing, Videos aufnehmen, geschlossene Office-"Dokumente" veröffentlichen ...
  • Suchen: All-in-one: Enterprise Search
  • Abarbeiten (= Aufgaben erfüllen): All-in-one: Projekt- und Taskmanagement, Produktivität, Zeitplanung & Protokoll
  • Konversation: All-in-one: Microblogging, IM, eMail, Telefon, VoIP, Kommentieren, Sharen ...
  • Anreichern: All-in-one: Zerlegen, Verzetteln, Annotieren, Bookmarken, Taggen, in Listen organisieren, Verlinken, Semantisieren, Vergegenwärtigen ...

 

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"Da media, wot is: da media?" (Ali G.)

[kommentar zum blogpost von lisarosa http://shiftingschool.wordpress.com/2010/11/18/medienbegriff/, der auf einen guten vortrag/aufsatz von Georg Rückriem zum medien-begriff verweist: "Mittel, Vermittlung, Medium. Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz".]

ja, das ist eine sehr vernünftige rekonstruktion des kulturanthropologischen strangs der „medien“-diskussion und -definition. das medium als raum: damit gehe ich völlig konform. (lustig, dass gerade Kurt Röttgers wichtigster zeuge ist: von dem habe ich 1983 oder so ein buch gelesen, das mich tief beeindruckt hat, und dann nie wieder gehört: "Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten.")

was hier fehlt ist eine auseinandersetzung mit dem „media“-begriff, der ja eigentlich v.a. dafür verantwortlich ist, dass wir inflationär von den medien, gerade auch von den medien als raum, reden. das sind die „electronic media“ McLuhans, beginnend um 1850 mit der synthese von telegraf/großstadtpresse und bereits ab da die buchdruck-kulturen (plural!) fundamental transformierend. „media“ in diesem sinn hat es vorher gar nicht gegeben, weil die schnelligkeit, das hier&jetzt, das zirkulieren von verselbständigten zeichen zentral war. vergleichbar ist das am ehesten mit den flugschrift-kulturen (nicht mit der ohnehin meist zu stereotyp beschriebenen „buch-kultur“.)

zu diesem media-begriff, der erstmals zwischen 1910 und 1930 auftauchte, dann von McLuhan erst im heutigen sinn verselbständigt wurde und im deutschsprachigen raum gar erst sehr zögernd nach 1970/1980 verwendet wurde, habe ich mal selbst meine recherchen in diesem aufsatz zusammengefasst:
http://www.scribd.com/doc/11013055/TV-Computer-das-Jahrhundert-von-Die-Medien

im deutschsprachigen raum gab es keinen medien-begriff, bevor er durch TV- und Pop-kultur unabweisbar wurde. die m.e. besten hinweise finden sich immer noch bei McLuhan, müssen allerdings aus seinem brainstorm-wirrwar erst mühsam geborgen werden. („unterrichtsmedien“ bedeutet wie zu recht gesagt ganz etwas anderes.)

und daraus geht dann eben hervor, dass eben doch wieder die eigengesetzlichkeit der technologie in rechnung zu stellen ist: nicht mehr im alten sinn als mittel-zum-zweck natürlich, das ist die „verhexung“ durch (synonyme) worte, die Wittgenstein beklagte. sondern in einem tieferen sinn: die zu einem eigendynamischen und binnenlogischen system verselbständigte „technologie“ (Kevin Kelly nennt das neuerdings „Technium“) macht etwas mit uns. das geht nicht auf einem kultur-begriff, der sich kultur als interaktion und kommunikation von menschen vorstellt. wir sind hier quasi immer schon „cyborgs“.

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@weissgarnix über Sarrazin

Im Blog von @weissgarnix ist eine z.T. hochinteressante, aber extrem schwer zu lesende Blog-Diskussion, weil so viel Hickhack dazwischen ist. Hier habe ich mal die m.E. weiterführenden Statements zum besseren Nachlesen ausgekoppelt: http://ietherpad.com/sarrazin-weissgarnix

Ich sympathisiere ja mit @weissgarnix’ Haltung, das Buch einfach mal offensiv ernstzunehmen und genau zu lesen. Ein anstrengender & schlechtbezahlter Job, aber irgendwer muss ihn tun. Siehe auch die großartige Parallelaktion, exzerpierte Kernideen zu tweeten: http://twitter.com/weissgarnix.>

Wahrscheinlich muss man sich mit dem Buch gefassen: Es ist ein wichtiges Symptom, wie ein intellektueller Hautausschlag. Wobei die Million Leser natürlich nichts mit dem Inhalt im Einzelnen zu tun hat, sondern mit dem diffusen Tabubruch-Gemisch, in dem es um “irgendwie weniger intelligente Deutsche”, “irgendwie mehr dumme, Anpassung verweigernde, ganz besonders fremde Ausländer” und vor allem um das angstvolle Gefühl geht, dass alles den Bach runtergeht.

Natürlich sind die Sätze über “Intelligenzverdünnung” bzw. “Intelligenzanreicherung” (Zuchtwahl im deutschen evangelischen Pfarrhaus …) so far out, dass man auf Anhieb wirklich keine Lust hat, daran noch irgendeinen Gedanken zu verschwenden. Was vermutlich wirklich ein Fehler ist: Wir erleben eben gerade, dass auf einmal wieder jede/r alles sagen darf, weil das große Diskursfiltersystem zerbrochen ist. Dann muss man tatsächlich wieder ganz von unten und von vorn anfangen. Wir müssen verstehen, wie es da denkt, und uns nicht voreilig angeekelt abwenden.

"zensur" und "kinderpornografie"

zum gesonderten eigenen weiternachdenken meine heimgeholten kommentare nach dem sehr lesenswerten "Weder löschen, noch sperren"-Carta-Artikel von Christian Heller (@plomlompom), die da eher einen seitenstrang bilden. der artikel sagt ungefähr:

  • eine irgendwie hinreichend differenzierte definition von "kinderpornografie" gibt es noch nicht und (anhand vieler beispiele) sie sei überhaupt sehr schwierig bis unmöglich,
  • keine abgrenzung an den rändern könnte sich mit einem wahren "gesellschaftlichen konsens" legitimieren, also müsse man das gleich lassen, weil dann das schlimmere "zensur"-problem sich stellt. zensur aber ist:
  • "Das staatliche Unterdrücken von Inhalten ist für mich Zensur. Ich glaube, dass dieser Begriff dem allgemeinen Sprachgebrauch ziemlich nahe kommt ... Das Illegalisieren oder Verbieten von Inhalten geht für mich in eben diesem staatlichen Unterdrücken auf, denn die illegalisierenden Gesetze sind ja nicht die Gottes oder des guten Geschmacks, sondern die des Staates. Das Illegalisieren von Inhalten ist also an sich bereits Zensur." (Christian in den Kommentaren)

(1) "richtig ist vor allem, dass “kinderpornografie” genau definiert und ausdifferenziert gehört. aber dann fang doch mal damit an, anstelle sehr viel platz damit zu verbrauchen, die komplexität an sich auszubreiten. sich diesem unangenehmen job nicht zu stellen, damit man auf eine geschlossene “antizensur”-strategie ohne zusatzerklärungsbedarf abstellen kann, ist keine alternative, sondern denkvermeidung.

im übrigen halte ich auch den begriff der “zensur” für untauglich und schlecht definiert: der verbreitet das aroma von 1848, und das hilft uns hier & heute nicht mehr sehr viel weiter."

(2) "... nein, ich trete nicht für universale ablehnung jeder “zensur” ein. (wie gesagt, auch dafür brauchen wir schärfere und differenziertere begriffe.)

und ja, ich bin dafür, “kinderpornografie” genau definitorisch auseinanderzunehmen. dass die gesellschaft davon extrem verschwommene und sich verändernde begriffe hat, stimmt, ist aber kein gegenargument. eher im gegenteil.

[nachtrag: ich bin seit jeher fan von definitionen gerade in unscharfen gebieten (genau da braucht man sie) und sehe immer rot, wenn leute behaupten, so etwas gehe grundsätzlich nicht.]

das resultat dürften dann, mal grob geschätzt, so etwa vier unterschiedliche tatbestände sein, die miteinander sehr wenig gemein haben und auf die man dann sehr unterschiedlich juristisch reagieren oder eben nicht reagieren kann/sollte/muss. das lässt diskutieren, aber erst, wenn man gemeinsam festgelegt hat, wovon jeweils genau die rede ist.

und natürlich sind solche definitorischen grenzziehungen möglich. (ich hatte letztes jahr, als die debatte losging, mal damit für mich angefangen, weil ich da eben auch genau das festgestellt habe, was christian hier konstatiert.)"

 

(3) "aber es ist doch so, Christian, dass du die fixe idee vom “sauberen zensieren” einführst. ich will nicht “sauberes zensieren”, ich will saubere definitionen, auf dem papier. dass die anwendung auf die wolkenhafte mediale wirklichkeit (wirkliche medialität?) dann immer noch “unsauber” ist (aber viel weniger als jetzt), ist wahr. das stört mich aber nicht. unsauberkeit ist der regelfall. und ich bin auch nicht allergisch gegen “staat” an sich.

den gedanken, man müsse “unterdrückung von inhalten” ablehnen, weil es kein “sauberes zensieren” gebe, finde umgekehrt ich nicht tragbar. ich bin durchaus im prinzip für “unsaubere unterdrückung von inhalten” in genau definierten sonderfällen. da würde ich im übrigen mindestens genauso (zu definierende) folter- und mord-darstellungen dazuzählen.

dass es da in der praxis auch zu problemen und ungerechtigkeiten kommen wird, nehme ich grundsätzlich nach abwägung in kauf. ob es dann in der praxis viel nützt oder nicht, ist mir ab einem gewissen, wieder zu definierenden punkt auch egal.

da geht es dann um die behauptung (im doppelten wortsinn) von menschenwürde. und dazu möchte ich nicht “zensur” sagen."

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Jugendliche müssen Web-Kompetenz lernen, sagt BMBF-Studie

Entscheidend für Beruf und Person
Bremen (pte/09.08.2010/13:50) - Um die Medienkompetenz junger Menschen ist es schlecht bestellt, obwohl gerade sie sich im Internet oft wie zuhause fühlen. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kommen Experten im Auftrag des deutschen Bundesbildungsministeriums http://www.bmbf.de in einer aktuellen Studie. "Gewerkschaften und Arbeitgeber sind besorgt über den mangelhaften Umgang der jungen Generation mit Medien", berichtet Heidi Schelhowe vom Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik der Universität Bremen http://www.tzi.de im pressetext-Interview.
In der Arbeitswelt hat derjenige nicht genug Medienwissen, der bloß einen Computer bedienen und im Internet surfen kann. Worum es geht, ist mehr als der Umgang mit Programmen, so die Sprecherin der Expertenkommission. "Medienkompetenz heißt im Beruf vor allem, dass man sich in komplexe Programme gut einarbeiten kann - und das lebenslang. Zudem geht es um die vernetzte Arbeit."
Patentrezepte für die Vermittlung dieser Fähigkeiten gibt es bisher noch nicht. Neben der Vorbereitung für die berufliche Rolle halten die Experten auch den von Alexander Humboldt geprägten Zugang der Persönlichkeitsbildung für zentral. Bei Medien bedeutet dieser, dass man Informationen hinterfragen, bewerten und richtig in den eigenen Kontext einordnen kann. "Zudem tauchen neue ethische Fragen auf, da Jugendliche plötzlich als Produzenten auftreten und mühelos Botschaften an eine Weltöffentlichkeit richten können. Was im Internet gesagt wird, hat andere Bedeutung als im Schulhof", so Schelhowe.
Schule muss reagieren
Am ehesten gelingt es in den Augen der Expertin den Jugendlichen aus hohen Bildungsschichten, mühelos zwischen virtuellen und realen Welten zu wechseln, die Medien für die eigene Verwirklichung zu nutzen und durch sie an der Gesellschaft teilzunehmen. "Medienkompetenz darf jedoch nicht auf diese Gruppe beschränkt bleiben. Sie gehört daher zum allgemeinen Bildungsauftrag."

Willkommen in der Flachen Welt! Die Folgerungen daraus sind dann allerdings eher jämmerlich. (Computer im Deutschunterricht zum Rechtschreibenlernen einsetzen, und so.)

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wave:goodbye

was ich nicht verstehe ist, warum Google bei sowas nicht nach denselben regeln wie die winzigen YCombinator-startups, oder 37signals usw. vorgeht. das wirkt auf mich sehr unprofessionell. als ob sie es sich leisten könnten, nicht vom user aus zu denken. können sie aber natürlich nicht. es macht einen seltsam unprofessionellen eindruck, das alles. dass jemand wie Jyri Engeström, den sie mit Jaiku eingekauft haben, dann naturnotwendig nach 2 jahren enttäuscht das weite sucht ... das kann mir keiner als höhere weisheit verkaufen. das ist einfach nur schlecht.

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Internet-Entwicklungsland Deutschland

Marcel Weiss sprach in einem beiläufigen ein großes Wort gelassen aus: "Alles eine (digitale) Soße." Es ging darum, dass es eben nicht nur um Deutschlands Chancen auf dem "Internetmarkt" geht, sondern vor allem um sekundäre, alles durchdringende IT-Anwendungen.

Das stimmt, in der schwimmen wir, aber genau das kapiert ja hier keiner. Es geht hier immer nur um "dieses Internet", das man gelegentlich "nutzt" und "besucht". Und wo der mündige Bürger immer weiß, wo der Abschaltknopf ist, weil das wahre Leben sich ja im Microsoft Office abspielt, mit ganz viel Telefon, und die wahre Wirtschaft sich mit Autos bauen beschäftigt.

Die dreiteilige Blog-Artikelserie von Marcel Weiss mit dem Titel "Deutschland degeneriert in ein Internet-Entwicklungsland" findet sich übrigens hier auf netzwertig.com (Teil 3, mit Links zu den ersten beiden Teilen).

nachtrag: hier kommentarteile von http://www.robertbasic.de/2010/08/zu-satt-zum-hungern/ :

ob digitale wirtschaft im engeren sinn die deutsche zukunft ist, weiß ich auch nicht. jedenfalls nicht im sinn von “neues mp3 erfinden und damit das neue SAP gründen” und auch nicht von “facebook in deutsch”.

was ich meinte mit meinem unscharf geranteten menetekel: everything that can be digital will be. ... es geht gar nicht zuerst um Deutschlands (bescheidene) Chancen auf dem “Internetmarkt”, sondern vor allem um sekundäre IT-Anwendungen, die auch und gerade alles das durchdringen, was wir für “solide deutsche wirtschaft” halten..

... die "hohe wirtschaftliche masse Deutschlands" (Robert Basic, a.a.O.) sehe ich auch:

Immer noch zählt Deutschland zu den führenden Wirtschaftsnationen weltweit. Das wirtschaftshistorisch gewachsene Gebilde basiert im Wesentlichen aus der geografischen Lage, ehemals militärischer Macht, Bildungsstand, Kulturtradition, industrieller Erfindungen, extrem verflochtenen Handelsbeziehungen im Binnenland und Außenhandel, politischer Bedeutung auf globaler Ebene, einer hohen Rechtssicherheit, dem seit Beginn des vorletzten Jahrhunderts vorangetriebenen Sozialwesen und einer extrem gut ausgebauten Infrastruktur. Das zusammen ergibt eine hohe Masse, die nicht so einfach abzubremsen ist, schnell schon mal gar nicht. So gesehen kann eine Nation wie Deutschland nicht von heute auf morgen zu einem Entwicklungsland im globalen Vergleich verkommen.

aber für mich fühlt sich das an, wie das Britische Empire nach dem 1. WK, als es sich noch für eine Weltwirtschaftsmacht hielt, während es bereits dabei war, rettungslos den anschluss zu verlieren.

was ich mit den neuen wirtschaftsrelevanten skills meine, die überall nötig sein werden, steht u.a. hier angedeutet: http://www.cmswire.com/cms/enterprise-20/collaborative-culture-or-the-real-enterprise-20-008218.php

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Warum wir den Schülern Web 2.0 (und die damit verbundenen Praktiken) beibringen müssen, auch wenn es sie gar nicht interessiert.

[aus dem Etherpad http://ietherpad.com/spiegel-noblog-argumente, in Reaktion auf diesen Spiegel-Artikel (pdf) zum Desinteresse der Jugend am avancierten Web 2.0. Laufende Links und Aktualisierungen siehe Kommentare.]

Dass die Jugend keine Ahnung hat, wie sie das Internet/Web konstruktiv nutzen kann, stimmt. Es ist eine Frage der "Literacy": d.h. der digitalen Lese- und Schreibfähigkeit (die auch Umgang mit Medien-Objekten und Code einschließt). Der eigentliche, allerdings fundamentale Fehler ist der unterschwellige Tonfall des Spiegel-Artikels: "Wir habens ja gleich gewusst, alles neumodischer Hype. Jugendliche sind immer gleich, das 'wahre Leben' geht immer vor, es gibt nichts Neues unter der Sonne." 

Die empirische Darstellung ist zutreffend, die gedankliche Verarbeitung nicht existent. Aus all dem folgt nämlich nicht, was zwischen den Zeilen suggeriert wird: dass das Web eher unwichtig ist und man die Jugendlichen, die echten "Eingeborenen", nicht gschaftlhuberisch damit behelligen sollte. 

[Update: Womit genau? Damit, wie man überpersönliche Wissensblöcke herstellt, verarbeitet, zirkulieren lässt. Wie man die eigene "Stimme" findet. Texte von 140 Zeichen bis zum längeren Blogpost, Grafiken und Visualisierungen, Präesentationen, die andere schnell aufnehmen und verarbeiten können, damit wieder etwas zurückkommt. Wie man vom Persönlichen zum Kollaborativen und zum Abstrakten kommt, und wieder zurück, immer wieder. ]

Und es folgt auch nicht daraus, dass LehrerInnen ihre verlorene Autorität sich wiederholen können, indem sie mal eben den Kindern zeigen, wie man richtig googelt. Sie können es selbst nicht besonders. Wir alle können es nicht gut genug.  

Ganz im Gegenteil also: Wir alle müssten sehr schnell lernen, uns im Web zu bewegen wie der Fisch im Wasser. In der digitalisierten "Flat World", die sich gerade in dramatischer Geschwindigkeit entwickelt, gilt für Individuen, Organisationen und ganze Nationen dasselbe: "You better start swimming or you sink like a stone." Die NullBlog-Generation wird das lernen müssen, oder untergehen. [was heißt hier "untergehen"? s.u.]

Aus der zutreffend beschriebenen empirischen Situation ergibt sich also vor allem eine Folgerung: Der gegenwärtige Stand des Bildungssystems und der Netzgesellschaft in Deutschland ist ein Desaster. Die Prognosen für unsere wirtschaftliche und kulturelle Vitalität und Zukunftsfähigkeit sind sehr, sehr schlecht. 

[Einwurf von @vilsrip:] "Die Null-Blog-Generation wird das lernen müssen, oder untergehen." Geht's eine Nummer weniger apokalyptisch? Es ist eine Frage der Definition. Was heißt in diesem Zusammenhang "untergehen"?

 "Untergehen" heißt hier, für Personen wie Gesellschaften: Nicht den nötigen Grad an innerer Souveränität erwerben, um sich inmitten immer schnellerer Umbrüche das Gefühl zu erhalten, den Kopf über Wasser zu haben. Nicht das Gefühl zu haben, 'die Welt zu verstehen'. Sich als hilfloser Spielball zu fühlen. Keine Idee haben, was man tun soll. Nicht mitzuschwingen mit den Kräften, die gerade die Gesellschaft verändern. Das führt zu kollektiver Resignation. Und genau das, gepaart mit digitaler Ahnungslosigkeit, ist die deutsche Grundstimmung.

(Das ist übrigens unabhängig vom realen wirtschaftlichen Erfolg, den eh keiner garantieren  kann, und gilt auch für alle Bildungsschichten. Das war ca. 1960 - 2000 tendenziell anders: Die Schule war nicht besser, aber die Leute hatten irgendwie das Gefühl, die Welt zu verstehen. Synchronisiert zu sein. Zu Recht oder nicht, aber das befähigte sie (eher) dazu, sich zu aktiv zu orientieren. Dieses Gefühl hat heute fast keine/r mehr.) 

Unsere Diskussion über "digital literacy" (auf deutsch klingt es gleich viel doofer & schwammiger: "Internet in der Schule") ist immer so gemütlich, als lebten sie alle noch in der 1970er-Welt und es ginge nur darum, geschmäcklerisch zu überlegen, welche subtilen didaktischen Mittel die kompetenten Lehrer einsetzen müssen, um ihren Schülern das Denken beizubringen.

Die Lage ist aber sehr viel ernster und verzweifelter für alle die, die da den Anschluss verlieren. Es ist keine Luxusfrage, sondern schlicht Grundausbildung für die Flat World, die man den Schülern schuldig bleibt. (Und sie sich selbst, weil sie keine Ahnung haben.) Ich verweise an der Stelle immer auf Thomas Friedmans "Flat World" (Interview, dt.), das trotz neoliberaler Untertöne ein zutreffendes Gesamtbild der Herausforderungen zeichnet, vor denen wir stehen, als Einzelne wie als Gesellschaft.

Hier das Kernzitat zu "lebenslangem Lernen" im Zeitalter prekärer Arbeitsverhältnisse:
   “In der Flachen Welt musst du immer versuchen, ExpertIn für drei Felder zu sein. 
   Das erste Feld ist das, was jetzt gerade dein  Brot-und-Butter-Geschäft ist. 
   Dann befasse dich aus eigenem Antrieb noch möglichst intensiv mit einem zweiten Feld, das irgendwie mit dem ersten zusammenhängt. 
   Und daneben sollte es immer noch ein drittes, ganz anderes Feld geben: Da, wo du vielleicht irgendwann einmal hin willst. 
   So. Und dann mach dir noch eins klar: Diese drei Felder bleiben nicht gleich. Sie werden sich alle 2, 3 Jahre verschieben und verändern.” 
   (meine freie Übersetzung, meine nicht-neoliberale lesart hier.)

Zu dieser ungemütlichen Herausforderung müsste man eine emanzipatorische Haltung (plus der nötigen Skills) entwickeln. Wenn man "das Bildungssystem" umgestalten muss, geht es nicht um die guten LehrerInnen.  Die Quote der "guten LehrerInnen" ist naturgesetzlich bei 8%. Dann müsste etwas strukturell  eingebaut werden, das den faden Normalunterricht (der weiter fad bleiben wird) relevanter macht. Wie müsste man "Schule" (und "Uni" ...) organisieren, damit da junge Leute nicht unfassbar viele Jahre weitab von dem, was draußen passiert, in einem künstlich infantilisierten und künstlich dumm gehaltenen Sonderraum gehalten werden? Wie also? Keine Ahnung.

(Schule hat vermutlich historisch & sozial-milieuhaft da funktioniert, wo sie punktuell als Freiraum fürs Selbstlernen empfunden wurde. Z.b. für meinen Großvater, Bauernkind-das-Lebensmittelchemiker-Versuchsanstalt-Chef wurde, um 1915, trotz aller Prügel & lateinischem Vokabellernen; auch für viele Aufsteiger in den 1960er und 1970er Jahren ... Das ist heute, soweit ich sehe, fast nirgends mehr so. Auch deshalb, weil der Überfluss des lebendigen gesellschaftlichen Wissens heute erkennbar außerhalb der Schule liegt und prinzipiell zugänglich ist. Wissen ist nicht mehr knapp, die Schule ist kein notwendiges Interface mehr.)

 

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